Seit mehr als 5 Jahren und 60.000 km fahren wir ein Elektro-Auto als Zweitwagen. Deshalb war es für uns keine große Frage, ob es gelingen kann auch mit einem Elektro-Auto in den Familienurlaub zu starten. Zweieinhalb Wochen an der Nord- und Ostsee mit zwei Kindern (2 & 6 Jahre) stellten da eher eine Herausforderung an das Platzangebot. Dennoch wollten wir das Experiment wagen und das Autohaus Amaro ermöglichte uns das mit ihrem Tesla Model 3. Ein Erfahrungsbericht. Zunächst hatten wir dank Christian Haustein und seines Teams die Möglichkeit unkompliziert den Tesla vorab über ein Wochenende zu testen. Dabei konnten wir bereits das Auto und den Platzbedarf innerhalb Sachsens testen und uns mit den Umständen vertraut machen. Fazit: Das könnte klappen. So starteten wir also am 1. Juni vollgepackt in Richtung Nordsee. Da wir eher ungeduldig sind und zwei reisekranke Kinder haben, war es eingeplant, dass wir auf „halber Strecke“ in Celle einen Zwischenstopp von 2 Nächten einbauen. Da im Vergleich zu unserem Familienwagen 20 l Kofferraumvolumen weniger zur Verfügung standen, musste etwas konzentrierter gepackt werden, allerdings waren die 56 l Kofferraumvolumen unter der Motorhaube noch nicht berücksichtigt, die allein eine Reisetasche gefasst haben. Auch die Reserveradmulde schluckte noch einiges an Sommergepäck. Das brachte eine ganze Menge an Flexibilität und zeigt im Vergleich zu manch anderem Elektro-Auto: dieses Auto wurde von Grund auf als Elektroauto gedacht und keine Verbrenner-Plattform elektrisch ummodelt. Das merkt man an vielen Stellen: hier haben sich die Entwickler einige Gedanken gemacht. So auch bei der Reichweite: Ca. 400 km Fahrtweg sind es von Marienberg nach Celle und die Reichweite des Tesla 3 beträgt ca. 460 km – bei optimalem Verbrauch. So war gleich die erste Etappe auf Kante genäht. Das interne Navi plante die Fahrt am Stück und wies bereits bei Auffahrt auf die A72 darauf hin, dass das Ziel ohne Ladestopp nur mit einer Maximalgeschwindigkeit von 130 km/h erreicht werden könne, später bei 125 km/h erreicht werden würde. Ein Mittagsstop war sowieso vorgesehen, sodass das Navi mit der Anweisung „Schnelllader nahe aktueller Position“ auch direkt eine passende Ladestation Höhe Magdeburg ausspuckte. Dort klappte das Laden auch unproblematisch und die halbe Stunde Essenfassen reichte aus um den Tesla von 33 auf 85% (Kostenpunkt ca. 35€) aufzuladen und damit die weitere Route locker abzusichern. Auch in Celle war schnell eine Ladestation in Hotelnähe gefunden um einerseits die weitere Tour und auch das kostenlose/vorübergehende Parken abzusichern. Die ca. 4 stündige Fahrt nach Celle gab auch genug Möglichkeiten das Auto näher kennenzulernen. Die Steuerung findet fast komplett über das Tablett im Cockpit zwischen Fahrer und Beifahrer statt. Damit wandert jeder Blick zur aktuellen Geschwindigkeit, Steuerung und Warnung nach rechts – etwas gewöhnungsbedürftig, wie so vieles, aber generell kein Problem. Mit Druck auf den rechten Lenkraddrehregler lässt sich nahezu jede Funktion im Auto per Stimme fernsteuern. Licht an, neues Navigationsziel, Radiosender wechseln – ohne Probleme, wenn man etwas probiert (und zu faul ist vorab die Bedienungsanleitung zu lesen). Auch den Autopiloten und das Ladekabel habe ich in Celle noch eingerichtet und konnte sie auf der nächsten Etappe ausprobieren. Tatsächlich stellte ich mich dabei auch etwas dämlich an. Klar war: rechten Hebel 1x runterdrücken startet den Tempomaten bei aktueller Geschwindigkeit oder setzt ihn auf aktuell mögliche Maximalgeschwindigkeit. Zweimal drücken startet den Autopiloten. Das meint: Spur halten und lenken wird übernommen, Geschwindigkeit wird auf die aktuelle Maximalgeschwindigkeit angepasst, Ampeln werden erkannt und wie bei dem Tempomat werden vorausfahrende Fahrzeuge erkannt und in die Geschwindigkeitsregelung einbezogen. Anfangs ruckelte die Bedienung etwas und ich musste mit Bremse und Gas die ruckelnden Bewegungen etwas nachregeln. Auch in Kurven und bei Spurwechseln war ich zunächst ungeduldig und habe mit dem Lenkrad eingegriffen, was auch wieder zu unruhigen Kommentaren von der Rückbank führte. Also erstmal weiter in der individuellen Steuerung ohne Autopilot. So ganz ließ mir der Autopilot keine Ruhe, sodass ich es bei den weiteren Fahrten weiter versuchte. Und es zeigte sich: das Fahrzeug mit all seinen Sensoren ist der bessere Mensch und gibt Rückmeldung, woran es fehlt. Man muss nur zuhören. Der Spurwechsel auf der Autobahn wird also im Autopiloten ausgelöst, indem man den Blinker hält und wird bei freier Spur auch ordnungsgemäß durchgeführt. Langsamer und vorsichtiger als man ihm selbst durchführen würde (was auch einige Drängler auf die Palme brachte), aber zuverlässig. Auch der Autopilot arbeitet sehr zuverlässig, wenn auch für unsere Verhältnisse etwas ruppiger, als erhofft, aber generell sehr in Ordnung. Bis 150 km/h kann man sich gut darauf verlassen – schneller zu fahren macht in vielerlei Hinsicht keinen Sinn. Auch den Einparkassistenten konnten wir an der Nordsee parallel zur Fahrbahn ausprobieren: Funktioniert, lässt das Auto ruppig aber zuverlässig in die Parklücke gleiten, wenn auch nicht perfekt. Alle weitere Versuche innerhalb der Reise schlugen fehl, waren aber wohl der schwierigen Gegebenheiten (Beleuchtung, fehlendes nachstehendes Auto, Kurvenparkplatz…) geschuldet. Übrigens: auch einen Schlüssel sucht man vergeblich. Geöffnet wird das Model 3 mit einer Keycard an der B-Säule (oder per App). Gestartet indem man selbige Keycard auf die Mittelkonsole legt. Fernöffnen geht damit nur per Telefon, was etwas gewöhnungsbedürftig ist – allerdings haben wir uns damals ja auch an klobige Autoschlüssel am Schlüsselbund gewöhnt. Innerhalb der weiteren Reise haben wir vor allem die weiteren Vorteile des Tesla schätzen gelernt: Viel Beinfreiheit, gute Sicht nach vorn und zur Seite, viele/großräumige Ablagefächer vor allem in der Mittelkonsole, sonnengeschütztes Panoramadach, steuerbare Klimatisierung. Auch die Konektivität war einwandfrei: per Bluetooth sind mehrere Smartphones zu verbinden und damit alle dort verfügbaren Dienste zu nutzen. Aktuelle Verkehrslage und Musikdienste erfordern eine Premium-Konnektivität, die wir nicht ausprobiert haben, für rund 10€/Monat aber hinzugebucht werden kann. Per Hotspot habe ich mein Smartphone mit dem Auto verbunden und damit aktuelle Daten ziehen können. Einen Stau auf der Rückfahrt konnten wir damit erfolgreich umfahren – einen mautpflichtigen Tunnel und eine geöffnete Hubbrücke die uns mit Google Maps wohl erspart geblieben wäre, mussten wir mitnehmen – was aber wohl an Einstellungen lag (also selbstverschuldet). Kurzfahrten an Nord- und Ostsee haben problemlos funktioniert und waren selbst für uns autounfreundliche Mitfahrer nahezu ein Genuss. Als Fahrer auf jeden Fall deutlich angenehmer, als mit Schaltgetriebe und ohne Abstandswarnung. Auch das Zwischenladen hat meist gut funktioniert. Kleiner Tipp für Neulinge: vorab möglichst Ladekarten der größten Anbieter (z.B. Shell Recharge, Intercharge…) besorgen, das erspart lange Einrichtungszeiten an der fremden Säule. Bei den Ausflügen und Stationen kann man vorsorglich nach Ladestationen Ausschau halten: ein voller Akku und ein vorklimatisiertes Auto lässt einen ruhiger schlafen, als mit Reichweitenangst. Positiver Nebeneffekt: Ladestationen stehen oft in erster Reihe und sind für Elektroautos frei zu halten. Stand jetzt gibt es also oft genug gute Plätze nah am Strand, Wildparkeingang und anderen Attraktionen. Teilweise kommt man auch in den Genuss kostenloser Ladeströme. Auf unserer längsten Etappe von Ostsee nach Wittenberg (~400 km) plante das interne Navigationsgerät von vornherein einen Tesla Supercharger auf der Strecke ein. Weil ich gern flexibel die Stationen nach den (Schlaf- und Toiletten-) Bedürfnissen der Mitfahrerinnen richte, habe ich diesen Zwischenstopp abgewählt und wurde seitdem prominent darauf hingewiesen, dass das Ziel mit der aktuellen Akkukapazität nicht zu erreichen sei und ich doch bitte einen entsprechenden Zwischenstopp einplanen solle. Gesagt getan. Am Supercharger Herzsprung trafen wir viele „Freunde“ von unserem Tesla und reihten uns friedlich ein. Auch einzelne Unsicherheiten in der Bedienung eines Superchargers waren schnell Dank erfahrener Tesla-Fahrer beseitigt: „Einfach kräftig ziehen und einstecken.“ Gesagt, getan. Mittagspause für Fahrer, Mitfahrer und Auto. Die erfahrenen Tesla-Fahrer richten ihre Stoppzeiten nach dem Ladestand und nicht nach der Brotbüchse. Waren wir bei Ankunft noch einer von 9 Tesla Model 3 am Supercharger, waren wir nach einer Stunde Mittag der letzte Mohikaner. Sei es drum: rappelvoll ging es weiter nach Wittenberg und die Abrechnung lief ohne Zutun über das Tesla-Konto. Einzig in Wittenberg hatten wir wenig Glück mit den Ladesäulen: die Abmeldung an Drittdienstleister-Ladesäulen funktionierte nicht wie gewohnt und meldete den nebenstehenden Hybrid-Mercedes von seiner Säule ab, statt den Tesla an – aber auch hier wohl eher ein Problem der Ladestation, als des Teslas. Da aber genug Restakku vorhanden war, wurde auch das nicht zum Problem und der Tesla führte uns wieder sicher ins Gebirge, wo er sich an der heimischen Solaranlage mit Wallbox noch die wohlverdiente Ruhe gönnen konnte. Alles in allem haben wir auch dank des komfortablen Modell 3 unseren Urlaub sehr genossen und insbesondere als Fahrer kann ich bestätigen: erhöhter Komfort wirkt sich direkt auf das Wohlbefinden aus und dank vieler Assistenzsysteme kann man sich auch mal auf das ein oder andere Highlight am Straßenrand, Gespräch im Fahrgastraum oder Hörspiel mit Kindern konzentrieren. Die Erholung hält auf jeden Fall länger an. Das lässt auch über manchen Drängler, Raser und Raudi hinwegsehen. Mit dem Elektro-Auto in den Urlaub? Kein Problem, wenn man die Gegebenheiten in die Planung mit einfließen lässt.

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